Bio-Garten Flechtdorf GmbH

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Ausbildung, Berufsförderung - Zierpflanzenbau, Floristik, Gemüsebau, Landschaftsbau

Aktuelles

Nicht nur der grüne Daumen zählt

01.08.2016 | im Leben 1/2016 : Christian Breindl – neuer Geschäftsführer des „Bio-Garten Flechtdorf“

Gebürtig stamme ich aus aus Bayern, habe in der Kindheit ein paar Jahre lang in Hamburg gelebt und kehrte dann ins bayerische Ottobrunn zurück. Nun wohne ich seit über 20 Jahren mit meiner Frau und meinen beiden schon erwach­senen Kindern in einem Fachwerkhaus in Schauenburg bei Kassel. Mein Berufsleben habe ich nach dem Fachabitur si­cherlich bedingt durch die „Ökowelle“ in den 80er Jahren mit einer Lehre zum Staudengärtner begonnen und während der Wanderjahre in den USA, der Schweiz und Irland auch in diesem Berufsfeld gearbeitet. Nach dem Studium der „Freiraum- und Landschafts­planung“ in Kassel habe ich einen Betrieb gegründet und 20 Jahre lang leidenschaftlich gerne Gärten geplant und gebaut.

Der Zugang zu dieser Arbeit war gärtnerisch, aber auch sozialwissenschaftlich. Die Frei­raumplanung hat nämlich nicht nur etwas mit Gestaltung zu tun. Im Vordergrund steht die Frage, welche Bedeutung der Freiraum im Gebrauch für den Alltag der Menschen hat. Gelegentlich war Holger mit mir unterwegs, der sonst in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeitete. Wir waren ein gutes Team.

Im Rahmen eines Lehrauftrages an der Be­rufsschule für Gärtner habe ich seit dem Jahr 2005 mit Jugendlichen gearbeitet. Später gründete ich mit Kollegen einen Verein zur Förderung benachteiligter Ju­gendlicher, der „Wege in den Beruf“ hieß. Wir stellten die sozialpädagogische Betreuung in einem Programm zur Ein­gliederung Jugendlicher in die Berufs- und Arbeitswelt und verschiedenen anderen Kursen in der beruflichen Bildung. Im Vordergrund unserer Arbeit stand die Wertschätzung der Eigenart der Schülerinnen und Schüler, deren Wege selten mal direkt geradeaus in den Beruf führten.

Schon während meiner Arbeit als Gärtner, spätestens aber in der Arbeit mit den Jugendlichen wurde mir klar: Gärten und gärtnerische Arbeit haben eine heilende Kraft. Sie wird in der Garten­therapie professionell beschrieben.

Auch die Heilkraft der Feste lässt sich im Jahreslauf gut und sinnstiftend für die Arbeit im Bio-Garten einbeziehen. Die Ausschreibung der Stelle des Geschäftsführers der „Bio-Garten Flechtdorf GmbH“ schien mir wie auf mein Profil zu­geschnitten. Seit ich den Beruf des Gärtners erlernt habe, ziehe ich jedes biologisch erzeugte Essen konventionellen ­Lebensmitteln vor. Ich war schnell begeistert von dem Kon­zept des Bio-Gartens: Vom Eingangsverfahren über den Be­reich der beruflichen Bildung, verschiedene Maßnahmen in der beruflichen Orientierung bis hin zur Fachwerker- und Vollausbildung reicht sein Angebot in vier ver­schiedenen gärtnerischen Sparten.

Der wertschätzende Umgang – sowohl im Bio-Garten wie auch in der Le­benshilfe – und die sehr angenehme Arbeits­atmosphäre fielen mir wäh­rend der Zeit der Bewerbung und des Kennenlernens auf. Mir gefiel auch der Hintergrund mit der Lebenshilfe als Hauptgesellschafterin und den beiden anderen Gesellschaftern: Kreishandwerker­schaft und Landkreis. Gemeinsam gelingt es leichter, spannende Projekte zu entwickeln und dabei Synergieeffekte zu nutzen.

Natürlich habe ich einige Ideen. Ich bin aber froh, wenn ich all das, was hier schon gut läuft, weiter unterstützen kann. Mit der Nase im Wind werde ich sicher zusammen mit allen Be­teiligten das eine oder andere neue Projekt starten. Wirklich am Herzen liegt mir, alle mit ihrer Eigenart in die gemeinsame Arbeit einzubinden – KollegInnen, WerkstattmitarbeiterInnen oder Auszubildende.

Mir ist wichtig, auf Augenhöhe und mit einem gegenseiti­gen Verständnis, einem genauen Hinhören und Hinschauen ­Menschen und Natur zusammenzubringen, sie als eine Ein­heit erlebbar zu machen. Für diese Grundhaltung ist nicht nur der besagte „grüne Daumen“ wichtig. Aufmerksam sein, den Umgang miteinander pflegen und auch Rück­meldung – in welcher Art und Weise auch immer – wünschen und berücksichtigen, das alles setzt soziale Kompetenz voraus.

Darum ist es wichtig, möglichst viel über die Kolleginnen und Kollegen zu wissen, ihre Stärken und Schwächen zu kennen und sie nach ihren Fertigkeiten und Fähigkeiten flexibel ein­zusetzen. Damit übernimmt man Verantwortung für Mensch und Natur.
Christian Breindl

Pädagogische und wirtschaftliche Ausrichtung der Bio-Garten Flechtdorf GmbH



1. Sinnstiftende heilsame Arbeit
Menschen, die sich besonders mit der Arbeit im Gartenbau identifizieren, finden nach ihren Neigungen verschiedene Arbeitsschwerpunkte – Gemüsebau, Zierpflanzen, Floristik, Garten- und Landschaftsbau und Imkerei.

Der Psychologe H. Petzold, schreibt in seiner Arbeit über die heilende Kraft der Gärten: „Die über die Jahre ge­machten Erfahrungen haben für mich und meine Kol­legInnen bestätigt: Es gibt weniges, das aufbauender wirkt als Naturerleben. Es werden uns durch Landschaft und Garten Erlebnis-, Erfahrungs-, Gestaltungsräume für das ­„Leben­dige“, das wir ja auch selbst sind, eröffnet, die in Gesundheitsförderung, Psycho-, Sozio- und Kreativtherapie genutzt werden können.“
(H. Petzold, Die heilende Kraft der Gärten. Wien: Krammer Verlag 2012)
Dieser therapeutische Effekt lässt sich im Bio-Garten nicht nur zeitbefristet als Therapie nutzen, sondern als alltäg­liche heilsame Arbeitserfahrung, die alle machen, die dort arbeiten. Die sinnstiftende und sinnliche Erfahrung in der Arbeit wird - ohne pädagogisches Event - spürbar, wenn Saatgut aufgeht, heranwächst, pikiert werden muss, un­ter den eigenen Händen essbares Gemüse entsteht, wenn Apfelbäume geschnitten werden müssen, wenn Freiräume durch materielle Ausstattung im Garten- und Landschafts­bau entstehen, wenn Gärten gepflegt werden, damit sie nutzbar bleiben, wenn ein Blumenstrauß zusammengefügt wird, der „nur“ dafür gut ist, das Herz zu erfreuen, oder wenn bei der Arbeit der Duft von Bienenwachs in die Nase steigt und wenn man sich selbst bei der Arbeit im Kontakt mit anderen wahrnimmt.

Besonders leicht knüpfen hier Menschen aus ländlichen Regionen an, die gärtnerische Produktion aus ihren Eltern­häusern kennen. Aber auch Menschen aus Elternhäusern, in denen sie Zugang zu häuslicher Produktion, zur Hausarbeit, zur Produktion der Reproduktion finden konnten. Die Arbeit zu Hause eignet sich sehr gut, den Zugang zum Tätig-Sein zu finden, sich tätig auf seine Weise in der Arbeit einzubringen.

2. Durchlässiges System
Eine besondere Qualität des Bio-Gartens ist das durchlässi­ge System der Qualifizierung, in dem jede/r nach eigenem Vermögen einen Platz finden kann: Jede/r bringt sich auf die eigene Weise ein und wird ohne Bedingungen gewür­digt. Jede/r findet im Bio-Garten Möglichkeiten, sich weiter zu entwickeln, wie jetzt z.B. zwei Auszubildende, die von der Helferausbildung in die Vollausbildung gewechselt sind. Eine Besonderheit des Bio-Gartens ist das Prinzip der mehreren Standbeine, das sich auch in den verschiede­nen Standorten spiegelt. Dies hat zur Folge, dass an jedem Standort eine überschaubare Anzahl (15 - 20) von Teilneh­merInnen ihren Arbeitsalltag erlebt.

Das gemeinsame Lernen liegt mir natürlich für alle am Herzen. Lernen hat in der Lebenshilfe und im Bio-Garten Flechtdorf ja auch einen hohen Stellenwert, und das möch­te ich weiterhin unterstützen. Wichtig ist mir dabei neben den Fortbildungen das Lernen voneinander und miteinan­der mit zu fördern.

3. Strategische Ausrichtung
Es wird in allen Bereichen Maßnahmen geben, mit denen wir unmittelbar unseren Umsatz halten wollen, und solche pädagogischer Natur, bei denen nicht unmittelbar wirt­schaftlicher Erfolg zu erwarten ist. Sie sollen aber dazu bei­tragen, dass sich TeilnehmerInnen weiterhin entscheiden, in den Bio-Garten zu gehen. Sie sollen zudem dazu beitra­gen, das Besondere des Bio-Gartens nach außen zu tragen. Mit diesen Menschen können wir unser Angebot erweitern. Maßnahmen zur unmittelbaren Förderung des Umsatzes durch Produktionsleistung sind in der Gemüse- und Zier­pflanzenproduktion, in der Imkerei sowie im Garten- und Landschaftsbau möglich.
Die mit den Worten von H. Petzold beschriebene heilsame Kraft der Gärten oder des Bio-Gartens wird wirksam durch die gärtnerische Arbeit selbst und durch den häuslichen Rahmen, den ich für alle MitarbeiterInnen spannen kann. Hier unterscheide ich zwischen dem häuslichen Rahmen, der durch das Miteinander entsteht, das Führungsverhal­ten, konsequente Förderung der Feedback-Kultur, lebens­lagenorientierte pädagogische Arbeit und die Heilkraft der Feste.
Die Ausrichtung der Ausstattung am Arbeitsalltag der Men­schen hat ebenso meine Aufmerksamkeit. Hier sehe ich an allen Standorten Potential, durch einfache Maßnahmen die alltäglichen Abläufe zu unterstützen. Sie soll dazu beitra­gen, dass sich alle im Bio-Garten an ihrem Arbeitsplatz wohl fühlen. Damit verbunden sollte möglichst eine Ent­schärfung der engen Personaldecke erreicht werden. Eine inhaltliche Veränderung möchte ich auf einem Kongress mit dem Titel „Chance Grün“ prüfen. Inwieweit kann es ge­lingen, soziale Landwirtschaft inhaltlich in die Arbeit im Bio-Garten aufzunehmen?

Unmittelbar wichtig ist – abgesehen davon, dass der Um­satz in der Produktion wenigstens gehalten werden soll – ein verstärktes Angebot für Menschen mit psychischer Erkrankung.

Christian Breindl
(Geschäftsführer der Bio-Garten Flechtdorf GmbH)

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